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Nr. 188, 2017, Aug. / Sept. Inhalt
 
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Astro-logische Merk-Würdigkeiten
 

Lange Rede, kurzer Sinn: abschweifen
 
von Barbara Egert
 


 

Wenn man mit Laura telefoniert, muss man Zeit haben. Allein schon eine so einfache Frage wie «Wie geht es?» sollte man sich aufheben, solange der Kaffee noch heiss ist. Ach, der wird ohnehin kalt, also sei’s drum: «Wie geht es dir?» – «Tja, wo soll ich anfangen …?». Eben noch verweilt sie kurz bei den Nackenwirbeln ihrer Schwester, da steht sie auch schon vor dem Regal mit Fischfutter für das neue Aquarium der Tochter. Vom Supermarkt übers Wartezimmer des Tierarztes ins Hotel des letzten Urlaubs ist es dann nur noch ein Katzensprung.

Ist es nicht auch eine Frage des Takts, zu wissen, wie weit man sich von einem Thema entfernen darf, ohne zu langweilen? Das schert Neptun wenig und Pluto noch weniger. Noch ist der Kaffee nicht völlig erkaltet, da ist sie schon wieder auf und davon und zieht mich hinter sich her, quer durch ihre letzten Neuigkeiten. Ab und zu kommen von mir zwar noch ein «Ach ja?» und ein «Ach so!», doch sonderbar: Ihr ewiges Abschweifen wirkt nun auch noch ansteckend. Und schon bin ich ihr entflohen, weit weg, und erinnere mich an den Roman «Tristram Shandy» von Laurence Sterne, der die Abschweifung zu einer Kunst, zum Prinzip seines Erzählens machte: «Mein Werk schweift ab und kommt doch vorwärts.»

Was man von Laura nun wirklich nicht sagen kann. Nicht jeder verliert nämlich den Faden so konsequent wie sie. Es ist ihr Merkur/Neptun, der sie vom Hundertsten ins Tausendste entführt. Und obwohl das manchmal sehr strapaziös ist, wäre es mir denn lieber, wenn jemand mit Merkur/Saturn überhaupt nicht vom Fleck käme, unendlich lange bei der Schilderung eines grauen Haares verharrte, das er im Risotto entdeckt hatte … einst, vor drei Jahren in Rom? Dann schon lieber so gewagte Gedankensprünge wie unter Merkur/Uranus, wo jemand vom Preis für exzellentes Olivenöl über das Schwarze Loch inmitten unserer Galaxie in die von Gnomen und Kobolden erfüllte Halle des Bergkönigs aus der Peer-Gynt-Suite springt.

Wenn Pluto nach einer einstündigen Rede oder einem kurzen grimmigen Statement über XYZ damit droht, er komme noch mal auf das Thema zurück, dann sollte man wissen, dass es ihm ernst damit ist. Besser, man verlässt die Stätte seiner demagogischen Beweisführungen, denn jede rhetorische Abschweifung variiert ja – besonders im Aspekt zu Jupiter oder Löwe-Planeten – doch nur sein suggestives Manövrieren. In Verbindung mit Saturn wird er auf die Einhaltung von Gesetzen pochen – seiner Gesetze. Und liiert mit Uranus geht es ihm um die Revolution, einer sehr allgemeinen und seine Interessen fördernden natürlich, doch auch und ganz besonders um seine eigene sehr spezielle abgründige Begründung derselben.

Ist nicht vielleicht das ganze Leben ein einziges Abschweifen von den Themen unseres Geburtshoroskops? Wenn man bedenkt, was die Natur alles unternimmt, um vorwärtszukommen, dann leuchtet der evolutionäre Vorteil des Abschweifens sofort ein. Denn unter gewissen Umständen könnte ja eine Variation viel effektiver sein als das Thema selbst. Etwa in Beethovens genialen Variationen über ein simples Thema des Verlegers Diabelli. Oder in der Arktis, denn da nützt dem Bären ein weisses Fell mehr als ein braunes. Und variieren wir nicht alle ständig, selbst wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind, unsere grossen Lebensthemen?

Vielfältig sind die Verwandlungen der Liebe im Laufe eines Lebens: alles Abschweifungen vom Thema Mond/Venus/Mars des Horoskops, bis endlich der Richtige gefunden ist: Jupiter und Neptun fliegen gen Himmel, Saturn zerrt uns auf den Boden der Tatsachen, und Pluto schürt schon voller Wonne die Leidenschaften. Oder die Variationen von Neptun: Die beginnen meist mit einer unbestimmten Sehnsucht und einer harmlosen Vorliebe für «geistige Getränke». Das Sehnen verflüchtigt sich, die Sucht bleibt. Einige schaffen es, einen sublimierten Neptun zu leben und das Geistige ausserhalb der Drogen zu suchen. Und ist das ozeanische Gefühl, das Empfinden des Grenzenlos-Ewigen nicht ein wundersames Abschweifen?

Wer hin und wieder seine Gedankensprünge von Saturn kontrollieren lässt, kann das Abschweifen zu einer beneidenswerten Kunst machen, selbst wenn es vor lauter «Übrigens …» und «Ach, was ich noch sagen wollte …» nur so wimmelt. Apropos …


Barbara Egert, geprüfte Astrologin DAV, jahrzehntelange Astrologieerfahrung; Bücher: «Astro-logische Merkwürdigkeiten – Kolumnen» (2017, nur bei Amazon erhältlich), «Wenn die Kindheit Schatten wirft: Beziehungen, Hochsensibilität, Narzissmus» (2014), «Hochsensibilität im Horoskop» (2012), «Krisen im Horoskop erkennen» (2011), «Kindheitserfahrungen im Horoskop» (2009); ständige Mitarbeiterin von ASTROLOGIE HEUTE, E-Mail: Barbara Egert

 

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